
Am 27. Januar 2026 lud die Gedenkstätte Zwangslager Berlin-Marzahn in Kooperation mit dem Bündnis für Demokratie und Toleranz am Ort der Vielfalt Marzahn-Hellersdorf und dem Deutschen Gewerkschaftsbund Kreisverband Ost zu einer gemeinsamen Gedenkstunde an der Open-Air-Ausstellung am Ort des ehemaligen Zwangslagers in Berlin-Marzahn ein. Trotz Kälte und Glatteises nahmen etwa 40 Personen, darunter Mitglieder des Abgeordnetenhauses, Vertreterinnen des Senats von Berlin, die Bezirksbürgermeisterin von Marzahn-Hellersdorf sowie Vertreterinnen von Parteien und Organisationen, an dem Gedenken teil.
In ihrer Rede wies Petra Rosenberg, Vorsitzende der Gedenkstätte Zwangslager Berlin-Marzahn e, V., darauf hin, dass der 27. Januar, der Gedenktag für alle Opfer des Nationalsozialismus und – seit 2005 – Internationaler Holocaust-Gedenktag, für Sinti und Roma tatsächlich ein Tag des Gedenkens, und ein Tag des Nach-Denkens, sei.
Die grassierende Geschichtsvergessenheit und das Erstarken menschen- wie demokratiefeindlicher Kräfte mache das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus im Jahr 2026 dringender und aktueller denn je. Zwar stehe eine große Mehrheit der Menschen in Deutschland für Demokratie, aber rund ein Drittel gäben negative Einstellungen gegenüber ethnischen oder sexuellen Minderheiten an. Sinti und Roma empfänden die Entwicklung der vergangenen Jahre und vor allem der Gegenwart als sehr massiv bedrohlich. Petra Rosenberg schloss mit der Frage: „Wollen wir wirklich abwarten, ob die Katastrophe vielleicht ausbleibt? Oder wehren wir uns und tragen unseren Teil dazu bei, sie zu verhindern?“
Petra Pau, Vizepräsidentin a. D. des Deutschen Bundestages, hob das Engagement von Schülerinnen und Schülern im Rahmen des Projektes „Nie wieder ist jetzt!“ an Schulen im Bezirk Marzahn-Hellersdorf hervor: Dies zu erleben, gebe Hoffnung und Kraft.
Bezirksbürgermeisterin Nadja Zivkovic erinnerte daran, dass auch in ihrem Bezirk Marzahn mit dem Zwangslager für die Berliner Sinti und Roma „ein furchtbarer Schreckensort gewesen“ sei. Sie erinnerte an Otto Rosenberg und führte aus: „Hätte er nicht überlebt, hätte er sich nicht für die Erinnerung an die 500.000 von den Faschisten ermordeten Sinti und Roma einsetzen können. Er hätte keinem Landesverband Deutscher Sinti und Roma Berlin-Brandenburg vorstehen können. Er hätte keine Gedenktafel legen, keine Gedenkstätte gründen können. Er hätte keine Gelegenheit gehabt, sich für die Rechte der Minderheit von Roma und Sinti einzusetzen. Wir hätten im Jahr 2007 nicht diesen Platz und die Straße nach ihm benannt, auf denen wir heute stehen. Wir hätten seine Geschichte nicht gekannt. Denn wir können nur die Geschichten derjenigen kennen, die überlebt haben, und ihren Mut und ihre Kraft zusammennehmen, um uns davon erzählen. Die Geschichten derer, die nicht überlebten, bleiben für immer in den Tiefen der Vergangenheit begraben. (…) Otto Rosenbergs Geschichte lebt weiter, und seine Erinnerung lebt weiter. …
Wir müssen eine Erinnerung etablieren, die ohne Zeitzeugen auskommt. Wir müssen sie in uns selbst tragen und an unsere Kinder weitergeben … um dafür einzustehen, dass sich die Geschichte nicht wiederholt.
An Tagen wie diesen … haben wir die Chance, uns dieser Verantwortung erneut bewusst zu werden. Wir können uns erinnern – nicht nur an das Leid, sondern auch daran, wie wichtig es ist, als Gesellschaft zusammenzustehen, für die Werte der Menschlichkeit und der Gerechtigkeit.“
Reinhard Weise, Vorsitzender des DGB-Kreisverbandes Ost, erinnerte daran, dass auch Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter zu den ersten Opfern des nationalsozialistischen Terrors gehörten: „Freie Gewerkschaften wurden zerschlagen, ihre Häuser besetzt, ihre Vermögen geraubt. Tausende engagierte Betriebsräte, Vertrauensleute und Funktionäre wurden verfolgt, inhaftiert, gefoltert oder ermordet – weil sie für Solidarität, Mitbestimmung und Demokratie einstanden.“ Er fuhr fort: „Diese Geschichte verpflichtet uns. Sie erinnert uns daran, dass Demokratie keine Selbstverständlichkeit ist. Dass soziale Rechte, Tarifautonomie und Mitbestimmung immer wieder verteidigt werden müssen. Und dass Menschenverachtung, Rassismus und Antisemitismus niemals unwidersprochen bleiben dürfen.
Gerade heute, im Jahr 2026, erleben wir erneut Versuche, Geschichte umzudeuten, Verbrechen zu relativieren und demokratische Grundwerte infrage zu stellen. Das macht unser Gedenken nicht nur notwendig – es macht es dringend nötig.“
Er schloss mit den Worten: „Erinnerung ist Verantwortung für die Gegenwart und für die Zukunft. Wir gedenken heute der Opfer – und wir versprechen zugleich: Wir werden nicht schweigen. Wir werden widersprechen, wenn Hass und Ausgrenzung Raum gewinnen. Wir werden unsere Stimme erheben für Demokratie, Menschenwürde und Solidarität.
Das sind die Werte, für die Gewerkschaften stehen. Und das sind die Werte, die wir im Andenken an die Opfer des Nationalsozialismus bewahren und verteidigen.“
Das Gedenken wurde von Lello Franzen und Janko Lauenberger auf ihren Gitarren musikalisch umrahmt. Die Anwesenden legten Blumen nieder.
© Fotos: Karin Brandes, Aaron Arndl, Lothar Eberhardt
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