
Berlin, 15. Juni 2026
Mit einer bewegenden Gedenkstunde erinnerte die Gedenkstätte Zwangslager Berlin-Marzahn am gestrigen Sonntag an die Verschleppung von über 600 Berliner Sinti und Roma vor genau 90 Jahren. Im Vorfeld der Olympischen Spiele 1936 wurden sie entrechtet und in eines der ersten großen NS-Zwangslager im Deutschen Reich interniert – für viele war es die Vorstufe nach Auschwitz.
„Die Olympischen Spiele von 1936 waren Anlass, aber keinesfalls der Grund für die Internierung. Das Zwangslager Marzahn war eine der ersten systematischen Gewaltmaßnahmen auf dem Weg zum rassistischen Völkermord“, erklärte Petra Rosenberg, Vorsitzende der Gedenkstätte Zwangslager Berlin-Marzahn e.V.
Sie erinnerte eindringlich an die unmenschlichen Lagerbedingungen und das generationenübergreifende Trauma, das auch das Leben des am 4. April 2026 verstorbenen Überlebenden Robert Franzen prägte: „Was macht das mit einem kleinen Kind? Diese Frage endet nicht mit der Befreiung. Viele mussten nach 1945 nicht nur ums Überleben, sondern auch um Anerkennung, Würde und Entschädigung kämpfen.“
Die Veranstaltung machte zugleich deutlich, dass die Erinnerung an die Verfolgung der Sinti und Roma über Jahrzehnte von Überlebenden, Angehörigen und Selbstorganisationen erkämpft werden musste. Ein besonderer Fokus lag auf der Rolle von Otto Rosenberg, der selbst als Kind nach Marzahn verschleppt wurde und später zu einer der wichtigsten Stimmen der Erinnerungskultur in Deutschland wurde. Sein politischer Einsatz und sein beharrlicher Kampf um Anerkennung haben dazu beigetragen, dass die Geschichte dieses Ortes heute sichtbar ist.
„Dass wir heute an diesem Ort gemeinsam gedenken können, ist nicht selbstverständlich. Es ist das Ergebnis beharrlichen Engagements vieler Menschen – und in besonderer Weise von Petra Rosenberg und der Familie Rosenberg“, sagte Nadja Zivkovic, Bezirksbürgermeisterin von Marzahn-Hellersdorf.
Auch die Berliner Ansprechperson zu Antiziganismus, Alina Voinea, würdigte die zentrale Rolle der Selbstorganisation: „Es sind an erster Stelle die Angehörigen der Communities, die das Erinnern wachhalten.“ Und weiter: „Die Selbstorganisationen der Sinti und Roma haben immer wieder den Kontakt zu Politik und Verwaltung gesucht und auf dringenden Handlungsbedarf aufmerksam gemacht.“
Cerstin Richter-Kotowski, Staatssekretärin für Kultur des Landes Berlin, stellte den Auftrag von Erinnerungskultur heraus: „Diese bedeutet, den verfolgten Sinti und Roma ihren Platz in unserer gemeinsamen Geschichte zurückzugeben. Sie bedeutet, ihre Stimmen hörbar zu machen und ihre Erfahrungen als Teil unserer Stadtgeschichte anzuerkennen und gegen Hass, Hetze und immer wieder neu geschürte Vorurteile wirksam die Werte Empathie, Akzeptanz und Toleranz zu verteidigen. Denn die Vorurteile, die den Boden für die Verfolgung bereiteten, sind nicht verschwunden.“
Michaela Küchler, Generalsekretärin der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA), würdigte Berlin-Marzahn als einen Erinnerungsort von besonderer europäischer Bedeutung: „In ganz Europa erleben wir heute erneut Angriffe auf Minderheiten, wachsenden Extremismus und Versuche, die Verbrechen des Nationalsozialismus zu relativieren oder zu leugnen. Deshalb sind Orte wie dieser hier wichtig. Sie bewahren die historische Wahrheit, sie schaffen Räume für Lernen und Begegnen und sie erinnern uns daran, wie schnell Ausgrenzung zur staatlichen Politik werden kann.“
Im Anschluss an die Reden wurden am Gedenkstein auf dem Parkfriedhof Marzahn Kränze niedergelegt. Pater Willi Steenken, Direktor der Salesianer-Gemeinschaft, sprach ein Gebet, musikalisch begleitet wurde das Gedenken von Lello Franzen und Janko Lauenberger.
Die Gedenkstätte versteht den Jahrestag als klaren Auftrag für die Zukunft. „Wir erinnern nicht nur an das, was war. Wir fragen auch, was daraus folgt – für unsere Stadt, für unsere Demokratie und für den Umgang mit Minderheiten in der Gegenwart“, betonte Petra Rosenberg abschließend.
Für Presseanfragen, Interviews sowie weiterführende Informationen zu bildungspolitischen Angeboten (Führungen, Lesungen, Workshops oder Bildungsmaterialien) steht Ihnen Petra Rosenberg, Vorsitzende der Gedenkstätte Zwangslager Berlin-Marzahn e.V., gerne zur Verfügung.
Gedenkstätte Zwangslager Berlin-Marzahn e.V.
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